Die Zukunft vom Rest des Lebens

Wer die Vergangenheit kennt und in der Gegenwart sein Leben lebt, der kann sich seine Zukunft selbst ausmalen und sie formen.

Ich habe mich lange damit beschäftigt, ob ich an einem solchen Beitrag für mich und auch für dich versuchen will. Es ist immer die Frage, ob sowas überhaupt Sinn macht. Für mich selbst sind es Gedanken, die ich niederschreibe und festhalten will, bevor sie in Vergessenheit geraten. Auf der anderen Seite bist du, der diese Texte vielleicht auch liest.

Für Gewöhnlich fallen mir solche Texte auch immer nachts ein. In der Nacht ist es ruhig, meine Tochter schläft auf auf der Couch und niemand schreibt mir. Manchmal gelingt es aber Leuten dann doch, welche in Amerika in einer anderen Zeitzone leben. Es ist ansonsten ruhig und ich bekomme einen klaren Kopf. Nicht selten schaue ich zurück auf die letzten Tage oder Wochen. Um die Zukunft zu schreiben, muss man die Vergangenheit noch einmal erleben und verstehen. Was willst du morgen tun, sobald du die Augen aufgemacht hast?

Um den Kern dieses Textes verstehen zu können, hole ich etwas aus und krame mal in der Vergangenheit. Mein Vater hat kurz nach der Jahrtausendwende eine neue Frau kennengelernt und ist ausgezogen. Meine Eltern haben sich gezofft und in der Mitte standen meine Schwester und ich. Es ging um das Sorgerecht, das Haus und viele Kleinigkeiten, die zusammen ein Fass ohne Boden ergeben. Vielleicht hast du auch schon mal sowas miterlebt, wenn auch nur indirekt. Keine schöne Sache und vor allem nichts für Kinder. 2006 starb meine Mutter. Das war es dann mit Eltern.

Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft | Quelle: pfadfinden-saarland.de

An einer Hand kann ich die Tage abzählen, die ich so kenne, wie den 9. Januar 2006. Wenn ich die Augen schließe, kann ich ein Bilderbuch aufschlagen und sehe alles noch genau vor mir. Mein erster beruflicher Versuch war die Ausbildung zum Radio- und Fernsehtechniker. Die neumodische Bezeichnung lautet jetzt wohl Informationselektroniker. Wer sich sowas auch immer ausdenkt? Ich war mit meinem damaligen besten Kumpel im Außendienst. Wir haben für die Telekom Anschlüsse gelegt vom Hauptverteiler bis zur Telefonsteckdose beim Kunden vor Ort. Dann klingelt das Telefon.

Der Chef rief den Kumpel an. Wir sollen die Arbeit beenden und zur Firma kommen. Ob er ihm am Telefon mehr zu den Gründen gesagt hat, unbekannt. Also packten wir den Krempel zusammen und sind los. In der Firma angekommen standen schon mein Onkel und seine Frau. Meine Mutter war im Krankenhaus seit dem Abend zuvor. Eventuell wollten sie mich direkt abholen und mich zu ihr bringen. Mit entsprechender Stimmung bin ich dann rein in die Firma und was soll ich sagen? Natürlich musste es anders kommen.

Von genau diesem Zeitpunkt an, verlor ich allen Glauben an das Leben. Als der Satz “Deine Mama hat es leider nicht geschafft” in meinen Ohren ankam – kein schönes Gefühl. Sag mal einem Jugendlichen mit fast 18 Jahren, dass seine Mutter gestorben ist. Bring das einfach mal über die Lippen. Das ist nicht leicht. Also bin ich dann gezwungenermaßen zusammengebrochen. Von dort sind wir ins Krankenhaus, weil ich die Eier hatte, sie noch einmal sehen zu wollen. Ich war noch nie im Keller eines Krankenhauses. Dort fühlt man auch kein Krankenhaus, sondern die Kälte. Und da lag sie in einem größeren Raum, mittig, auf einem Tisch. Ein letztes Mal “Leb wohl” sagen. Wenn ich da nicht auch noch zusammengebrochen wäre, dann hätte ich vielleicht auch noch mehr Erinnerungen daran, aber lassen wir das an der Stelle.

Übrigens schreibe ich das hier recht entspannt. Mit der Zeit wird der Mensch einfach älter und er verarbeitet Dinge anders. Lasst euch aber nicht täuschen davon. Es gibt Momente, an denen ich mir gewünscht hätte, meine Mutter hätte daneben gestanden und mir dermaßen eine gedachtelt, dass ich das ABC fließend rückwärts könnte. Den Gedanken hab ich mir mit einem weinenden und lachenden Auge vorgestellt. Damals hätte es weh getan, heute würde ich vielleicht drüber lachen.

Nachdem wir im Krankenhaus waren, sind wir noch zum Haus von genanntem Onkel gefahren. Die Familie. Man nimmt sich in den Arm, weint zusammen und bricht zum dritten Mal zusammen. Damit geht mein Körper wohl um, wenn ich emotional tot bin und egal wohin du kommst – jeder schaut auf dich. Jeder möchte dich bedauern, sein Mitleid ausdrücken und dich auffangen. Aber das war alles Zuviel. Der Kopf hatte einen Fatal Error, gepaart mit Bluescreen und ist heruntergefahren. Da steckt man nicht drin und das kann man keineswegs steuern. Der Drang, einfach in Tränen auszubrechen ist unaufhaltsam. Ich wünsche diese Situation niemandem, aber ich hab für die Zukunft daraus gelernt.

Das Highlight stand noch bevor. Oma, Opa und die ganze Familie haben gefühlt nur auf mich gewartet. Das war der nächste und letzte Halt meines Feldzugs an diesem Tag. Wir sind vorgefahren am Haus meiner Großeltern. An der Straße standen links und rechts Autos. Man muss eine Treppe außen hochgehen, um zur Haustür zu kommen, welche schon offen stand. Wir wurden erwartet. Knappe 6 bis 8 Meter sind es von der Haustür bis zur Tür vom Wohnzimmer. Der Weg hat dorthin hat sich viel länger und schwerer angefühlt. Die Wohnzimmertür war geschlossen, aber die Menge war deutlich zu hören.

Ok, jetzt muss ich grade echt kämpfen.

Vor der Wohnzimmertür ging es nicht weiter, ich brach zusammen. Es war der Moment, als ich durch die Tür in das Gesicht von meiner Oma schauen konnte und da sind wir wieder beim Thema. Solche Situationen sind nicht zu kontrollieren. Man muss sie geschehen lassen.
Dann ging die Tür auf und mein Blick wiederholt sich. Am großen Esstisch saßen alle Geschwister meiner Oma inkl. Partner. Der Raum war noch nie so voller Menschen und die Luft konnte man schneiden. Geblieben bin ich da aber nicht und in meinem Zimmer endet der Tag.

Wer nicht von der Vergangenheit lernt, wird von der Zukunft dafür bestraft

Nun magst du denken: “Uff, was ne Geschichte”. An der Stelle kann ich den guten Jonathan Frakes aus dem Spiel nehmen. Die Geschichte ist nicht frei erfunden. In meiner Vergangenheit war es dieser eine Tag, der alles verändert hat. Nicht direkt, aber dazu kommen wir ja noch. Mit 17 Jahren sieht man die Welt nicht direkt so, wie sie wirklich zu sein scheint. Das kommt erst mit einem anderen Alter. Früher oder Später.

Fortan lebte ich bei meinen Großeltern, die sich natürlich keine Frage darüber gestellt haben, ob sie meine Schwester und mich aufnehmen. Die Beiden waren nicht mehr die Jüngsten und das Jugendamt wollte auch regelmäßig ein Wörtchen mitreden über das Wohlergehen und die schulischen Leistungen. Das Dorf war klein, es gab damals mehr Kühe als Menschen und der Altersdurchschnitt war gefühlt “Rente”. Dennoch hat es uns an nichts gemangelt und dafür bin ich sehr dankbar.

2007, an meinem 19. Geburtstag, hab ich zu einer kleinen Party in der 20 Minuten (mit dem Auto) entfernten Stadt eingeladen. Es war übelst windig. Damals noch kein Auto, aber einen Roller. Wie komm ich hin? Und durch Zufall hat mir meine heutige Ex-Frau über ICQ geschrieben. Ich kenne sie seit dem Kindergarten und wir waren in Parallelklassen auf der Gesamtschule. Hab sie natürlich eingeladen und ganz nett gefragt, ob sie mich denn zu meiner “Party” abholen könnte. Das tat sie auch. Und daraus folgte dann eine Beziehung über 13 Jahre. 2012 die Heirat, 2019 unsere gemeinsame Tochter.

Es gab viele Höhen und Tiefen. Das ist was ganz Normales in einer jeden Beziehung. Und am Ende hat es nicht funktioniert. Meinen Drang am PC zu sitzen und Spiele zu spielen war sehr groß. Zwischendurch gab es bereits eine Pause und wir sprachen uns darüber aus. Am Ende war es dann die Sache mit Youtube und Guns of Glory, die Idee damit Geld zu verdienen. All das und noch ein paar andere Dinge waren die Gründe dafür, dass die Beziehung geendet hat. Wir verstehen uns gut, reden ganz normal miteinander und haben keine wirklichen Probleme. Am Ende ist dieser Fakt auch das Wichtigste, denn was bleibt ist eine wunderbare gemeinsame Tochter, die wir über alles lieben.

Sowohl meine Ex-Frau, als auch ich haben neue Partner gefunden und sind damit glücklich. Manchmal soll es einfach so sein. Wie oft findet man den richtigen Partner schon nach der Pubertät oder der Schule? Es gibt sicherlich irgendwo eine Statistik, die das zeigt. (PS: Ich hab eine gefunden und verlinkt). Die Tatsache muss akzeptiert und den Blick wieder in die Zukunft gerichtet werden. Glück findet man selten und wenn man mal Glück hat und das Glück findet, muss man der Glückliche sein und das Glück packen. Glück auf.

Nachdem ich kurz nach der Trennung eine Fernbeziehung über ein Jahr und über 9000 km geführt habe, was schlussendlich einfach nicht für meine Zukunft passte, hab ich aufgegeben. Nichts gegen die Frau, keineswegs. Aber diese Distanz und dann noch dieses A*loch Corona haben absolut nicht gepasst. Wenn man diese Leere spürt, immer alleine ist und rund herum die Pärchen Hand in Hand durchs Leben pilgern, dann wird man ganz schnell ganz einsam. Man fängt auch an sich damit abzufinden und sucht Leute im Netz, mit denen man plaudern kann. Guns of Glory, beste Plattform mitunter.

24/7 online sein, sich im Spiel mit Leuten aus aller Welt unterhalten. Line, Discord, Facebook – überall kann man mit ihnen schreiben. Das ging. Hab ich ja vorher auch gemacht in der Fernbeziehung, nur dieses Mal ohne Beziehung. War für mich kein Unterschied und ich arrangierte mich. Bis zu dem Tag, an dem mich jemand nach dem 300% KvK Buff gefragt hat über Facebook. Durch die Tatsache, dass ich einfach mit Leuten mehr plaudern wollte, hab ich sie gefragt, wie es ihr geht. Sie, also Lissi, hatte eine längere Pause von Guns of Glory gemacht und das hat mich am Anfang interessiert. Wie ist das denn so ohne Guns of Glory? Wenn man das fast 5 Jahre jetzt spielt, kennt man das nicht. Keine Angst zu haben um sein Schloss und seine Truppen.

Die Gegenwart ist der Zustand zwischen der guten alten Zeit und der schöneren Zukunft.

Und so kam man ins Gespräch und ich hatte echt Spaß dran. Lissi redet halt gerne, bzw. schreibt sehr gerne. Ist auch nicht lange beim Schreiben geblieben. Man hat schnell auch Sprachnachrichten verschickt, weil Schreiben irgendwann langweilig und vor allen Dingen anstrengend wurde. Während wir hin und her geschrieben und gelabert haben, hat sich innerlich irgendwas getan. Durch das was wir austauschten und wie wir miteinander umgegangen sind, sind die gut verstauten Gefühle aus dem 8. Untergeschoss aus ihren Kerkern gekommen. Ich musste es ihr sagen.

Also hab ich Lissi eine kleine Nachricht zukommen lassen, woraufhin sie mir eine Videonachricht schickte. Die Details behalte ich mal für mich, aber es war kein kleines Nein. Nach 3 Wochen ein Ja zu erwarten, komm schon. Wer ist jetzt der Verrückte von uns? Du, der das hier gerade liest oder ich? Wir beide haben Kids und über 400 Kilometer trennen uns voneinander. Wer mit beiden Beinen im Leben steht weiß, das ist hirnrissig. Aber dieser Tag war meine Zukunft. Wir haben natürlich weitergeschrieben und über WhatsApp per Video telefoniert. Das machen wir heute noch.

Die Gefühle zu ihr wuchsen und es kam der Tag, bei dem ihr Eis auch brach. Man hat angefangen sich zu treffen. An dieser Stelle jetzt keine Werbung, aber Airbnb regelt. Ich bin zu ihr, sie kam zu mir und dann kommt das Eine zum Anderen, oder? Es sind Gefühle, die ich so einfach noch nicht hatte und das soll jetzt nicht schlecht klingen. Gefühle entwickeln sich wie Erfahrungen im Leben. Was damals Liebe war, ist es damals auch gewesen. Und heute und für die Zukunft wird Liebe anders sein. Aber ein Problem gibt es da noch.

Fernbeziehungen sind allgemein als doof anzusehen. Diesen Umstand gilt es also zu ändern. Recht früh hab ich also die Szenarien durchgespielt und möglichst alle Problematiken einbezogen. Da wir beide Kinder haben, ist das alles gar nicht so einfach. Es waren die Nächte wie diese, in denen ich Ruhe hatte und mir für mich meine Gedanken dazu gemacht habe. Was wäre wenn und wenn das, aber nicht das, dafür aber jenes?! Oder nehmen wir das, anstelle von dem da und .. ach nee. Das passt nicht. Diese Sache hat mich tatsächlich ein paar Wochen beschäftigt. Gerade meine Tochter ist der Punkt überhaupt.

Ich habe mir online Foren durchgelesen, Blog-Beiträge, Ratgeber zum Papa-sein, mich mit anderen Leuten aus dem Netz und dem Bekanntenkreis ausgetauscht. Andere Meinungen sind wichtig, um solche Entscheidungen besser treffen zu können. Lissi zu mir oder ich zu ihr? Sowas ist keine Sache, die man über Nacht einfach trifft, man lebt nicht mehr alleine, wenn Kinder mit im Spiel sind. Am Ende aller Überlegungen stand dann die Entscheidung fest. Ich ziehe mit dem bisschen Zeug was ich hab zu Lissi.

Das Ziel für die Zukunft ist bereitet, jetzt geht es um den Weg, der zu beschreiten ist. Wann soll es passieren? Wie komm ich an eine Arbeit? Was ist mit den Kids?

Lindau – Bodensee | Quelle: lindau.de

Über den Ablauf sind wir uns heute einig. Es gibt natürlich viel Spielraum für unterschiedliche Meinungen dazu, aber aus dem Gesamten aller gesammelten Meinungen und Berichten, ist der 1. Oktober 2022 gut gewählt. Alle haben genügend Zeit sich entsprechend vorzubereiten. Bevor ich endgültig bei ihr wohne, werden wir uns noch 3x vorab treffen. 2x fahre ich zu ihr, sie kommt nochmal zu mir. Da wird immer mal wieder schon was mitgenommen, gerade auch mit Blick auf die Benzinpreise. Im August fahre ich zu ihr, um mich bei einem potentiellen Arbeitgeber vorzustellen. Da kann ich schon einmal alle Regale mitnehmen samt Inhalt. Mit dem 2. Besuch im September kommen die ersten Hüpfburgen und der Rest vom Haushalt mit, außer PC und Kleidung. Am Schluss soll die letzte Fahrt mit Anhänger ausreichen für den Rest. So Gott will.

Wer nicht über die Zukunft nachdenkt, wird keine haben.

Das ist der Plan bis hierhin. Es wird sich viel ändern in der Zukunft. Ich lasse buchstäblich alles zurück. Die ersten Wochen ohne meine Kleine werden hart. Sie ist in sehr guten Händen bei ihrer Mama und ihrem Freund. Regelmäßige Besuche setze ich mir selbst als Pflicht. Dann kann sie gerne auch mal eine Woche mit zu uns. Sie geht bald in den Kindergarten und wird viele neue Dinge sehen und kennenlernen. Ihre Zukunft wird erst noch geschrieben. Die können sich da auf was gefasst machen. Es wird sicherlich auch für sie hart werden, wenn Papa nicht mehr jeden Tag da sein kann. Aber so hart es klingen mag: Sie wird damit klar kommen, wenn alle an einem Strang ziehen. Sowohl die Eltern, die neuen Partner und das Umfeld. Natürlich ist es nicht ideal für sie. Aber Alle können das Beste daraus machen.

Es ist an der Zeit für Veränderungen. Ich möchte wieder arbeiten gehen und weg vom PC. Die Kiste soll nur noch für Youtube Videos und Streams genutzt werden und für Schreibkram, der sein muss. Lissi soll glücklich sein dürfen mit mir, so wie ich mit ihr. Ich schaffe mir Platz für die Besuche mit meiner Tochter. An meinem Bauch muss sich auch was tun und generell wird es ein Tapetenwechsel. Denn wenn mir die Vergangenheit und die Fehler darin eins gezeigt haben, dann ist es die Tatsache, dass ich so nicht mehr mein Leben vergeuden will. Die Zukunft soll eine Bessere sein für Alle. Und auch wenn die Gegenwart dies vielleicht nicht immer ist, die Zukunft soll glücklich sein und sie wird es. Nicht immer direkt, aber stetig.

Ich liebe Lissi und ich will eine Zukunft mit ihr. Die werden wir haben. Das schließt jedoch nicht aus, dass ich keine Zukunft mit meiner Tochter haben werde, die ich ebenso liebe. Es wird nur eine Andere sein.

2 Kommentare

  1. toll geschrieben…..
    Könntest fast Buch Autor werden bald kommt das Buch Tom seine Lebensgeschicht wie bin ich zu twitch und yt gekommen……

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